Die verspielte Augenhöhe

mailbox-959299_1280

Bei vielen Schreiben, die so in meinem Briefkasten landen, bekomme ich Glupschaugen. Der Grund: Beamtendeutsch. Nun könnte man meinen, dass das umständliche Behördenbriefe sind. Aber nein: Die Absender sind ganz normale Unternehmen! Anstatt normal zu formulieren, kommen sie gestelzt und umständlich daher, weil für viele Firmen offenbar immer noch gilt „formell = besser“.

In Briefen kann man umständliche Passagen mehrmals durchgehen um den Sinn zu entschlüsseln. Bei gesprochenem „Klugscheiß“ geht das nicht. Wenn Sie sich einen bedeutungsschwangeren Sprechstil antrainiert haben, ist es gut möglich, dass ein potenzieller Kunde einen Bogen um Sie und Ihr Angebot macht, weil:

  • Es ist anstrengend, Wichtigtuern zuzuhören.
  • Augenhöhe ist gefragt!
  • Niemand steht gerne wie ein Blödmann da.

Sobald der Wichtigtuer-Modus angestellt wird, gesellt sich übrigens oft eine ungünstige Stimmführung hinzu und man spricht von oben herab. Das führt dazu, dass der Zuhörer nur Bahnhof versteht und sich gleichzeitig ärgert.

Wenn Sie diese drei Klassiker vermeiden, wird Ihre Sprechweise sofort verständlicher und Sie sorgen dafür, dass Ihre Botschaft auch ankommen kann:

1. Vorsicht: Hauptwörterstil

Mein Schwerpunkt ist die Vermittlung grundlegender Basics um eine Erleichterung in der Umsetzung festgelegter Qualitätsanforderungen zu erreichen …“

Äh, ja. Solche Sätze machen das Gehirn zu Pudding. Ihre Zuhörer bleiben hängen, versuchen, zu rekonstruieren, was Sie gesagt haben … aber in der Zwischenzeit haben Sie schon weiter geredet.

Besser verdaulich: „Ich vermittle grundlegende Basics. So fällt  es den Unternehmen leichter, die Qualität zu sichern …“

2. Achtung: Bandwurmsätze

Es gibt Menschen, die so versiert reden, dass sie elendig lange Bandwurmsätze hinbekommen – ohne einen Grammatikfehler und scheinbar ohne Luft zu holen! Rechtsanwälte zum Beispiel sind es gewohnt, zu argumentieren und haben vor Gericht und durch Diktate enorme Übung.

Jetzt ist das zwar eine bewundernswerte Fähigkeit, gleichzeitig aberein großes Hindernis, wenn es ums Zuhören geht. Denn in einem Gespräch oder bei einem Vortrag überfordern Sie die Gehirne Ihres Publikums enorm. Wir können den Inhalt erst verstehen, wenn wir wissen, wo ein Satz endet. Bandwurmsätze halten also das Gehirn auf Trab, aber das geht immer zu Lasten des Verstehens.

Denkpausen sind Trumpf!

3. Hä?: Fremde Wörter

Auch mit fremden Wörtern ist das so eine Sache. Haben Sie es mit Zuhörern zu tun, die Fremdwörter und Fachjargon kennen, dann verwenden Sie sie. Ist aber anzunehmen, dass nicht jeder die Bedeutung kennt, gilt „keep it simple“. Nehmen Sie ein einfacheres Wort, umschreiben Sie es oder erklären Sie kurz die Bedeutung. – Zuhörer lerne immer gerne Neues dazu!

Aber: Finger weg bei Fremdwörtern, die nur Eindruck schinden sollen! Die können ein gewaltiger Schuss in den Ofen sein, denn sie lassen uns schnell als Besserwisser oder Dampfplauderer dastehen (ganz zu schweigen davon, wenn Sie ein Fremdwort falsch benutzen).

Natürlich kennen Sie diese drei Tipps bereits. Es sind ja nicht umsonst Klassiker! Aber tun Sie diesen Artikel bitte nicht vorschnell ab. Denn Wissen ist bekanntlich nicht anwenden. Die guten SprecherInnen überprüfen sich immer wieder, zumal auch die Tagesform, Inhalte und Zuhörer beeinflussen. Es kann also sein, dass sie normalerweise sehr souverän und „normal“ reden, aber bei bestimmten Rahmenbedingungen in einen dieser klassischen Abtörner verfallen.

Und wenn alles paletti ist, klopfen Sie sich verdientermaßen auf die Schulter!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *