Lesestunde I: Ich.kann.nicht.schlafen

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Es gibt Hörbücher, die gehen weg wie die warmen Semmeln, nur weil ein bestimmter Sprecher engagiert worden ist. Wahnsinn, oder?

Um anregend vorzulesen muss man aber kein ausgebildeter Sprecher sein. Denken Sie an Autoren, die oft wunderbare Lesungen halten, ohne je eine Sprecherausbildung absolviert zu haben. Viele verstehen es, ihre Stimme instinktiv so einzusetzen, dass in den Köpfen der Zuhörer Bilder entstehen.

Was es dazu braucht, ist in erster Linie Interpretationsgeschick, eine deutliche Aussprache und ein Auge darauf zu haben, dass es nicht nur ums Vorlesen, sondern auch ums Zuhören geht.

Trainieren Sie Ihre Vorlesetechnik!

Das Vorlesen zu trainieren ist sinnvoll, auch wenn Sie keine Ambitionen haben, Lesungen oder lyrische Abende zu veranstalten. Vorlesen ist auch eine gute Übung, mit der Sie Ihre Fähigkeiten in punkto Stimmführung und Deutlichkeit verbessern.

Starten Sie mit doch gleich einen Versuch. Wenn Sie bereit sind, können Sie beim Vorlesen so vorgehen:

• Lesen Sie sich den Text zuerst leise durch, damit Sie sich mit ihm vertraut machen.
• Überlegen Sie sich, an welcher Textstelle eine Sprechpause sinnvoll wäre, diese Stelle markieren Sie dann im Dokument, zum Beispiel mit dem Zeichen //.
• Sprechen Sie nicht zu theatralisch, das kann den Zuhörer irritieren. Also, lieber nicht zu gefühlsduselig erzählen.
• Jetzt hauchen Sie der Erzählung Leben ein und gestalten den Text mit Ihrer Stimme. Dabei lassen Sie sich von Ihrem Gefühl zu der Situation anleiten.

Bei dieser Übung lernen Sie, dass…

…. Sie sich auf einen Vorlese-Text viel besser einstellen können, wenn er Ihnen nicht fremd ist.
… Sprechpausen ein sehr wichtiges Gestaltungsmerkmal sind,
… und Sie sich am besten auf das Vorlesen UND das Zuhören gleichzeitig fokussieren, damit eine Erzählung wirken kann.

Hier ist ihr Text:

Erleichtert sehe ich die Badezimmertür halb offen stehen, gehe hinein und schließe ab. Ich setze mich, benutze die Toilette, drücke die Spülung und wende mich zum Waschbecken um mir die Hände zu waschen. Ich greife nach der Seife, aber irgendetwas stimmt nicht. Zuerst kann ich nicht benennen, was es ist, aber dann sehe ich es.

Die Hand, die die Seife gefasst hat, sieht nicht wie meine aus. Die Haut ist faltig, die Finger dick. Die Nägel sind nicht lackiert und abgekaut. Und wie bei dem Mann, neben dem ich vorhin aufgewacht bin, steckt ein schlichter goldener Ehering an der Hand.

Ich schnappe nach Luft und die Seife flutscht ins Waschbecken. Ich blicke in den Spiegel. Das Gesicht, das mich daraus ansieht, ist nicht meines. Das Haar hat keine Fülle und ist viel kürzer geschnitten, als ich es trage. Die Haut der Wangen und unter dem Kinn ist schlaff, die Lippen sind dünn, der Mund ist nach unten gezogen. Ich schreie auf. Ein wortloses Keuchen. Dann bemerke ich die Augen. Sie sind von Falten umgeben, ja, aber trotzallem erkenne ich sie. Es sind meine.

Im Anschluss können Sie sich anhören, wie die Profisprecherin den Text interpretiert hat. Aber hören Sie sich die mp3-Datei wirklich erst später an, so können Sie sich unvoreingenommen ans Vorlesen machen. Der Text stammt aus dem Hörbuch Ich darf nicht schlafen von S.J. Watson und wird gelesen von Andrea Sawatzki. Den Hörbuch-Auszug finden Sie hier:

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