Mr. Stress im Interview

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Wenn wir total nervös sind oder so richtig unter Strom, meldet sich der Stress. Der sorgt für Lampenfieber, für verlorene Fäden, für Hektik oder Blackouts. Und wir wirken natürlich alles andere als souverän.

Wer kennt die Auswirkungen besser als Mr. Stress höchstpersönlich? Im Interview erzählt der Stress, wie Sie Ihren Stimmapparat als Werkzeug nützen können, um die innere Anspannung ad acta zu legen.

Wie könnte man denn das Zusammenspiel von Stress und Stimme grob umreißen?

Stimme und ich sind in der Tat sehr eng miteinander. Sobald ich mich bei jemandem einniste, mache ich mich nämlich körperlich bemerkbar und sorge dafür, dass sich die Muskeln anspannen. Wenn ich so richtig in meinem Element bin, zurre ich zum Beispiel an euren Muskeln im Oberkörper. Dadurch bleibt die Atmung auf der Strecke und das hört man dann am Stimmklang. Aber im Gegenzug lasse ich mich auch von Stimme und Atmung besänftigen.

Wie genau können wir uns die Wirkung auf die Stimme vorstellen?

Wenn ich zu meiner Höchstform auflaufe, kann es passieren, dass die Töne überhaupt nicht mehr rauskommen wollen. Das passiert aber sehr selten und wenn, dann bin ich gemeinsam mit meiner Freundin, der Panik, am Wirken. Nur wenn sich die absolute Erschöpfung zu mir gesellt, bin ich dazu im Stande, die Stimme auch komplett lahm zu legen. Aber unter – für mich normalen – Umständen, sorge ich liebend gerne für einen gepressten Stimmklang. Wenn ich Lust habe, katapultiere ich auch die Tonhöhe nach oben, das kratzt so schön an der Authentizität der Person. Manchmal wird es kieksig oder gar schrill, die Stimme überschlägt sich. Im zittrigen Klang oder durch die ungünstige Lautstärke mache ich mich natürlich auch bemerkbar.

Wirkt Stress ausschließlich auf den Klang?

Nein, nein, da geht noch viel mehr! Abgesehen von der Körpersprache, auf die ich ja wirklich großen Einfluss habe, wirke ich auf eure Aussprache. Wenn ich mich in der Kieferpartie austobe, wird ein Sprecher undeutlich, ab und zu beginnt er zu lallen oder zu stottern. Eine fabelhafte Arbeit leiste ich beim Sprechtempo, mit ihm kann ich euch eine hektische Note verpassen. Dazu kommt, dass sich durch mich viele Gedanken nicht mehr ordnen oder fassen lassen, also wirke ich auch auf den Inhalt. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

Vorhin hast Du gesagt: „Im Gegenzug lasse ich mich auch von Stimme und Atmung besänftigen.“ – wie meinst Du das?

Das ist schnell erklärt: Eure Atmung hat einen großen Einfluss auf eure seelische Verfassung. Somit kann sie sich auch gezielt auf mich einschießen und ausschalten. Umgekehrt kann sie mir natürlich auch den Weg ebnen. Ein Beispiel: Bleibt ihr beim Sprechen bei der Brustatmung, während ich am Machen bin, lasse ich mich nicht so leicht unterkriegen. Atmet man hingegeben auch in den Bauch, lasse ich schneller locker. Passt ihr euch schnellen Atemzügen an, hab ich freie Bahn. Ganz unter uns: Wenn ihr die Mischatmung (LINK) einsetzt, kann ich mich nicht mehr so aufspielen. Immerhin ist das die ökonomischste Atemform, bei der der gesamte Körper involviert ist.

Stress überträgt sich durch die Stimme, stimmt das?

Freilich, ich bin ansteckend! Haben Sie schon einmal bemerkt, dass Sie das Bedürfnis haben, sich zu räuspern, wenn Sie längere Zeit einer heiseren Person zuhören? Oder, anderes Beispiel, stellen Sie sich vor, ich sperre Sie für fünf Stunden in einen Raum mit lauter Trübsal blasenden Menschen. Dann werden Sie später auch nicht wie ein Sonnenschein von dannen schreiten. Bei einem hektischen Stimmklang verhält es sich ähnlich: Der Zuhörer nimmt Inhalt UND Stimmung auf, es kann also passieren, dass man in ein ähnliches Sprechmuster rutscht. Dann fühlt man sich höchst unwohl: denn ich liege buchstäblich in der Luft, jeder Gesprächspartner hat das Gefühl, getrieben zu werden. Tschüss, Souveränität!

Wie kann ich mit der Stimme meine seelische Verfassung positiv beeinflussen?

Das funktioniert so: Sprechen ist nichts anderes als Ausatmen. Deshalb gibt es zwei Optionen: Man kann mich durch das Sprechen, also den Stimmklang besänftigen. Oder durch die Atmung. Die meisten Atemübungen haben entweder das Ziel – oder den positiven Nebeneffekt – dass ihr Kraft tankt, zu euch kommt und Ruhe findet. Sie funktionieren einerseits in bereits brenzligen Situationen, aber auch in einer längeren stressigen Phase. Ein gutes Hilfsmittel ist auch das Tönen von Vokalen. Du kannst dir nichts unter „Tönen“ vorstellen? Dann denk mal an buddhistische Menschen beim Beten: „Ooomm“. Das ist Tönen. Essentiell beim Sprechen ist außerdem euer Eigenton, der strahlt Ruhe aus, auf euch selbst und den, der zuhört.

Atemübungen, Tönen und die natürliche Sprechstimmlage finden, gibt es da ein paar knackige, leicht durchzuführende Tipps?

Wenn Sie mich unbedingt loswerden wollen, hätte ich da schon ein paar Kniffe auf Lager: Sehr simpel ist zum Beispiel, in einer haarigen Situation den Atem für einige Atemzüge bewusst in den Bauch zu schicken (LINK). Damit dieses Hinunterschicken aber den gewünschten Effekt bringt, braucht ihr schon ein bisschen Gespür für die Sache. Um sich selbst etwas Gutes zu tun, empfehle ich also, der Atmung mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das angesprochene Tönen ist natürlich auch kein schwieriges Unterfangen. Als Anfänger können Sie mit den Selbstlauten beginnen und sie einzeln tönen. Hier habe ich eine Übung gesichtet (LINK) Aber Achtung! Diese Übung funktioniert nur dann, wenn Sie ungestört und mit aller Ernsthaftigkeit durchgeführt wird. Und dann der erwähnte Eigenton (LINK)! Der befindet sich im unteren Drittel eures Stimmumfangs, wenn ihr ihn einsetzt, fühlt ihr euch wohler und streng euch beim Sprechen nicht an, das bringt mich natürlich aus dem Konzept und ich klinge leichter ab.

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