Singvogel, Superstar & Co

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Erwischen Sie sich ab und zu dabei, dass Sie in ein seltsames Sprechmuster rutschen? Bei Nervosität kann die Stimme plötzlich richtig piepsig oder monoton werden. Wenn wir jemanden von etwas überzeugen wollen, hämmern wir unsere Argumente ein. Oder Sie sind ein begnadeter Redner, der das Rampenlicht genießt … aber leider unbemerkt die Zuhörer zu Statisten seiner Show macht.

Wenn man hin und wieder in bestimmte Sprechmuster verfällt, ist das nicht tragisch! Heikel wird es erst, wenn sich für längere Dauer ein bestimmter Sprechtyp einschleicht, der Ihrem Naturell nicht entspricht und das Zuhören erschwert … oder schlimmstenfalls nervt. Örks.

Hier habe ich 11 Sprechtypen für Sie zusammengestellt, die weit verbreitet sind. Wie Sie gleich merken werden, geht es nicht um übliche Sprechgewohnheiten. Oft liegen unseren Sprechmustern bestimmte Motiv zugrunde – einmal ist es die angenommen Etikette („Das muss so!“), dann wieder der Wunsch, von anderen gemocht zu werden.

Schauen Sie gleich mal, ob Sie einen dieser Sprechtypen wiedererkennen oder sich sogar an der eigenen Nase packen können:

Der Singvogel…

… hat Freude am Sprechen und teilt sich gerne mit. Er will seine Mitmenschen mitreißen und stürzt sich in eine Art Singsang. Dann hebt und senkt er seine Stimme immer wieder, oft sogar an ungünstigen Stellen. Dieses Rauf-Runter lenkt unglücklicherweise vom Wesentlichen ab. Dem Gegenüber fällt es schwer zu folgen. Außerdem wirkt Singsang unnatürlich. Darum büßt der Singvogel, oft unbemerkt, Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit ein.

Der Monotone…

hat es nicht leicht, ihm wird nachgesagt, Zuhörer oder Thema wären ihm egal. Das stimmt aber nicht, oft spricht er bewusst gleichförmig, weil er Gutes im Sinn hat: Er will verstanden werden, die Aufmerksamkeit auf die Inhalte richten und seine Zuhörer nicht überfordern. Leider erreicht er damit genau das Gegenteil: Weil er sich beim Reden stets in einem sehr engen Tonbereich aufhält, muss man sich beim Zuhören extra anstrengen. Uff!

Der Holzhacker…

… hat eine oberste Priorität: Er will seine Argumente an den Mann bringen, koste es, was es wolle! Darum hämmert er Inhalte betont ein, wiederholt sie gerne mehrmals, um seinen Punkt wirklich zu machen. Je ernster ihm eine Sache ist – und je mehr er sich echauffiert -, desto abgehackter wird er. Das Dumme: Jetzt baut sich eine Front beim Gegenüber auf, denn die Grenze zum Maßregeln und der Rechthaberei sind schnell überschritten.

Das Kaninchen…

… hüpft von einem Thema zum anderen und will gerne so viele Informationen anbringen, wie es nur geht. Manchmal kommen sich Hirn und Mund in die Quere, weil es sich verhaspelt. Langweilig wird das Zuhören bestimmt nicht, aber das Verstehen bleibt auf der Strecke! Dem Publikum bleibt nicht genügend Zeit, um Informationen zu verdauen. „Huch, schon wieder was Neues! Worum geht’s denn jetzt?“, irgendwann steigt man aus, lehnt sich zurück und lässt sich einfach nur noch gut unterhalten.

Der Superstar…

… fühlt sich beim Sprechen sauwohl: er steht gerne im Rampenlicht, gibt mit Vorliebe Infos und Wissen weiter und hat viele rhetorische Kniffe auf Lager. Er weiß, dass er viel weiß. Er badet im Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Dass er sich in Szene setzt, hat jedoch so seine Tücken: Es verleitet ihn, die Zuhörer ins Aus zu stellen. Zuhörer merken schnell, wenn man nicht MIT ihnen, sondern nur an sie heran spricht. Vor allen Dingen aber überschattet er mit seiner Person seine Inhalte.

Der Dramatiker…

… übertreibt. Er spricht in Superlativen, verspricht „ultimative Tipps“ oder die Methode des Jahrhunderts. Er macht dramatische Sprechpausen und betont andauernd „Jetzt kommt was besonders Wichtiges!“, „Achtung, das dürfen Sie jetzt nicht verpassen!“. Betonungen setzt er ganz gezielt ein, oft wahnsinnig gekonnt. Das Problem: Eine Betonung ist keine Betonung mehr, wenn alles betont wird. Stellen Sie sich einen Text vor, wo jedes zweite Wort fett gedruckt wird. Beim Zuhören ist man überfordert und muss sich plagen.

Der Gut-Ding-will-Weile-haben-Typ…

… nimmt sich Zeit. Er macht lange, sehr laaaaange Sprechpausen. Wenn er eine Frage gestellt bekommt, muss er erst ganz genau überlegen, was es dazu zu sagen gibt und wie er es sagt. Es dauert ewig, bis er Inhalte zum Punkt bringt. Oft sind Zuhörer mit elendslanger Stille konfrontiert und trommeln innerlich mit den Fingern, wann es denn endlich weitergeht. Pausen gezielt zu setzen und sich Bedenkzeit zum Überlegen zu geben, ist wichtig. Aber die Dosis macht das Gift!

Der Anbiedernde…

… will in erster Linie gemocht werden. Er braucht Anerkennung, er will die Zuhörer zum Kumpel machen und Ihnen zeigen: Ich bin einer von Euch, auch wenn ich Euch Informationen + Tipps vermittle. Darum ist er überhöflich, versucht, Insider-Jargon zu verwenden und verpackt vieles, was er sagt, in Watte. Dadurch schauspielert er ein bisschen zu sehr, was man oft an einer etwas unnatürlichen Tonhöhe erkennt. Die gute Nachricht: Von Herzen kommende Freundlichkeit kommt automatisch durch – und sorgt für einen guten Draht, ganz ohne „Los-mag-mich!-Kapriolen“.

Der Bluffer…

… setzt auf Stimme. Er versucht sie so einzusetzen, dass er Kompetenz und Seriosität vermittelt und weil er gehört hat, dass tiefe Stimmen hier einen klaren Vorteil haben sollen, fährt er absichtlich mit seiner Sprechstimme tief in den Keller. Das kratzt nicht nur an seiner Natürlichkeit, es schadet auch seiner Stimme (Frauen klingen dann übrigens schnell nicht mehr jugendfrei). Der Bluff kann so weit gehen, dass er mangelndes Know-how oder eine verschusselte Vorbereitung mit bedeutungsschwangerer Stimme und angesagten Schlagwörtern überspielt, was die Zuhörer allerdings schnell als Dampfplauderei entlarven.

Die Krankenschwester…

… kümmert sich. Wenn sie redet fühlt man sich richtig fein betüdelt. Der Haken: Auf Dauer hält man das nicht aus. Eine „Wie geht’s uns denn?-Haltung“ kann aggressiv machen. Zu viel Umsorgen kann bei Zuhörern leider auch den Eindruck erwecken, als ob man sie wie ein kleines Kind behandelt. Merkt man, dass sich jemand extrem bemüht, dann wirkt derjenige leider auch schnell sehr unsicher.

Der Gönnerhafte…

… hat etwas zu sagen, kennt sich meistens sehr gut aus, hat viel Erfahrung, kann jede Sprechsituation meistern. Leider lässt er sich das – absichtlich oder unabsichtlich – raushängen: Bei Sprechbeginn fällt die Stimme von oben nach unten, er spricht also im wahrsten Sinne von oben herab. Dadurch fühlen sich Zuhörer oft nicht ernst genommen.

Haben Sie sich in einem – oder mehreren Typen – wiedererkannt? Keine Panik, wenn sich ab und zu einer dieser Typen bei Ihnen einnistet, vielleicht sogar in Kombination. Vieles passiert einfach zwischendurch, ohne dass sich andere dadurch gestört fühlen. Näher hinzuschauen lohnt sich aber trotzdem, denn wenn eine Rolle zu präsent ist, können Sie gegensteuern:

• In welchen Sprechsituationen fallen Sie in eine dieser Rollen? (z. B. das mache ich nur, wenn … ich nervös bin/aus dem Stegreif antworten muss …)

• Erkennen Sie hinter einem Ihrer Sprechtypen ein klares Motiv (z. B. das mache ich, um gemocht zu werden; weil ich glaube, ernster genommen werden).

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“, heißt es. Und das stimmt! Beobachten Sie, lenken Sie gegen, wenn es Ihnen auffällt. Aber versuchen Sie noch gar nicht, großartig etwas zu verändern. Gerade bei eingefahrenen Mustern ist ein erster wirksamer Schritt, sich im Alltag bei einer unerwünschten Gewohnheit zu erkennen. Manches verschwindet schon durch das Wahrnehmen automatisch.

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